dopingopfer der ddr


http://www.netzeitung.de/sport/olympia2006/376605.html

09. Januar 2006

Thüringen ignoriert Stasi-Verflechtungen

Von Thomas Purschke

Der gerade zu Ende gegangene Biathlon-Weltcup in Oberhof konnte mit 93.000 Zuschauern einen neuen Besucher-Rekord verzeichnen. Auch Thomas Bach, Mitglied des Internationalen Olympischen Komitees (IOC), verkündete voller Stolz im tief verschneiten Thüringer Wald: "Ich bin hier wegen der tollen Stimmung seit Jahren Stammgast."

GMS "Klaus Peter" am Start

Dass auch diesmal, wie schon in den Jahren zuvor, wieder mehrere einstige Stasi-Mitarbeiter an vorderster Stelle mitwirkten, kümmert deutsche Sportfunktionäre und selbst hohe Landespolitiker wenig. Da wäre etwa Karl- Heinz Menz, Mitglied der DDR-Biathlon-Bronze-Staffel bei den Olympischen Winterspielen 1976 in Innsbruck. Er war von 1982 bis zum Mauerfall unter dem Decknamen GMS (Gesellschaftlicher Mitarbeiter Sicherheit) "Klaus Peter" für die DDR-Staatssicherheit aktiv und zeichnete in Oberhof für den Start/Ziel- Bereich verantwortlich.

Zwei Jahre ist es erst her, dass bundesweite Schlagzeilen zu stasibelasteten Funktionären der Biathlon-Weltmeisterschaften 2004 im Wintersportzentrum Oberhof sogar den Ministerpräsidenten des Freistaates, Dieter Althaus (CDU), auf den Plan riefen. Er erklärte damals öffentlich, dass ehemalige Stasi- Mitarbeiter keine Vorbildfunktion haben und weder im Sport noch in der Gesellschaft Führungspositionen einnehmen sollten.

In der Konsequenz daraus gründete der Thüringer Landessportbund (LSB) im Sommer 2004 eine Kommission, die sich mit den Stasiverstrickungen zahlreicher Sportfunktionäre beschäftigen sollte. Weitere Monate dauerte es, bis mit dem einstigen Hochschulsportlehrer und Skilanglauftrainer Henner Misersky ein Vertreter für die Stasiopfer gefunden wurde.

Die Thüringer Landesbeauftragte für die Stasiunterlagen, Hildigund Neubert, kritisiert nun: "Die Kommission ist weder ein ordentliches Organ des Landessportbundes, das zu Überprüfungen nach dem Stasiunterlagengesetz berechtigt wäre, noch konnte sie wirklich unabhängig arbeiten." Zudem fasste die Führung des LSB mit dem Präsidenten Peter Gösel und dem Hauptgeschäftsführer Rolf Beilschmidt - beide sind einstige SED-Kader - sowie der Hauptausschuss den Beschluss, bezüglich der eigenen Verbandsstrukturen auf eine Regelüberprüfung zu verzichten. Bis auf wenige Ausnahmen, darunter der Skiverband, zeigten sich die Mitgliedsverbände des LSB an einer Zusammenarbeit mit der Kommission nicht interessiert.

Grob hat noch keinen Plan

Im Herbst 2005 war das Vertrauen so erschüttert, dass der Opfer-Vertreter Henner Misersky aus der "Alibi-Kommission" enttäuscht austrat. Der sportpolitische Sprecher der CDU-Landtagsfraktion in Thüringen, Manfred Grob, kündigte nun zwar an, "den Aufarbeitungsprozess unterstützen" zu wollen und "im Landtag das Thema im Wirtschaftsausschuss", der auch für die Belange des Sports zuständig ist, vorzubringen. CDU-Mann Grob, seit 2005 amtierender Präsident des Thüringer Ringer-Verbandes hat "allerdings keine Lösung parat, wie man frühere Stasi-Mitarbeiter behandeln soll, wenn sie seit 1990 gute Arbeit im Sport geleistet haben".

Die SPD-Landtagsabgeordnete und Sportpolitikerin sowie Vorsitzende des Stadtsportbundes von Erfurt, Birgit Pelke, war trotz mehrmaliger Anfrage nicht einmal bereit, sich zu dieser Problematik zu äußern. Genauso wie der Südthüringer CDU-Landtagsabgeordnete Michael Heym, im Ehrenamt Präsident des mit vielen Olympia- und WM-Medaillen geschmückten Wintersportvereines Oberhof. Er hatte in der Vergangenheit gern und oft über "Nestbeschmutzer" geschimpft, "die regelmäßig die phantastische Atmosphäre besonders beim Oberhofer Biathlon-Weltcup stören würden".

Ähnlich hatte sich auch der Thüringer Minister für Bau und Verkehr, Andreas Trautvetter (CDU), im Nebenamt Präsident des Bob- und Schlittenverbandes für Deutschland geäußert. Der im Freistaat für den Sport zuständige Minister, Dieter Reinholz (CDU), ließ mitteilen, dass die Sportorganisationen eine Aufarbeitung des DDR-Systems "nicht als ihren vordergründigen Arbeitsschwerpunkt ansehen". Berufen hierzu seien "in erster Linie wissenschaftliche Einrichtungen oder Verbände für politische Bildung".

"Scheiß-Rosenholz-Stasi-Überprüfungskram"

Den Geschäftsführer der CDU-Landtagsfraktion und erste Vorsitzende der Thüringer Sportjugend, Andreas Minschke, regt "die Leichenfledderei in Stasiakten" auf. Er plädiert für "eine fundierte, empirische Forschung". Den "Scheiß-Rosenholz-Stasi-Überprüfungskram" findet er jedoch "lästig".

Der frühere CDU-Wahlkampfmanager und Sport-Abteilungsleiter im Thüringer Sozialministerium Minschke erklärte vor Wochen, er sei "indestens schon zehnmal stasiüberprüft worden, irgendwann muss auch mal Schluss sein damit" Der Landessportbund habe kein Geld für Aufarbeitungsprojekte. Für die Forschung sei doch die Behörde von Frau Neubert da, so Minschke.

Hildigund Neubert bleibt nur die die nüchterne Bilanz: "An der geistigen Landschaft, in die sich der Sport einspinnt, hat sich kaum etwas geändert. Die sogenannte Wintersportnation Thüringen will sich ausschließlich mit ihren Erfolgen beschäftigen. Niemand soll nach den dunklen Flecken auf der schneeweißen Weste fragen."

Verpasste Chance

So sei auch mit der Neugestaltung des Wintersportmuseums in Oberhof wieder eine Chance verpasst worden. Die Ausgrenzung jüdischer Sportler in der Nazi- Zeit, die Gleichschaltung und der Missbrauch für den totalen Krieg komme in der Ausstellung kaum vor. Zwangsdoping und die Instrumentalisierung junger Athleten in der DDR seien in der Exposition nicht thematisiert. Politische Bespitzelung und die Rolle der Staatssicherheit blieben demzufolge so geheim wie zu DDR-Zeiten.

"So aber können untergründig auch die Werthaltungen weiterleben, die Kindesmissbrauch durch Medikamente, Verrat und Feigheit beförderten. Ist es das, wofür der Sport erhebliche öffentliche Förderung erhält", fragt Neubert.

Die heutige Literatur-Professorin und einstige DDR-Spitzen-Leichtathletin vom Sportclub Motor Jena, Ines Geipel, berichtete kürzlich über eine Lesung im Sportgymnasium von Jena, wo einige Schüler sich vorstellen konnten, auch selber mal zu unerlaubten Mitteln zu greifen, wenn es um Spitzenwettkämpfe geht. "Die Beschäftigung mit dem Staatsdoping in der DDR könnte die Jugendlichen vor solchen Irrwegen sicherer bewahren, als alle Vorschriften des internationalen Sports", glaubt deshalb Neubert. "Der Thüringer Sport gerät immer tiefer in ein Geflecht aus Angst und trotziger Isolation." Vor jedem Großereignis warte der Sport ängstlich auf die nächste Enthüllung dessen, was längst hätte aufgeklärt sein können.

Die angebotene Hilfe ihrer Behörde wurde indes ausgeschlagen. Trotz mehrfacher Ankündigung hat die vom ehemaligen Sportminister sowie Ex- Landtagspräsidenten, Frank-Michael Pietzsch (CDU), angeführte Stasi- Kommission, noch immer keine Ergebnisse vorgelegt. Pietzsch hatte Probleme bei der Zusammenarbeit mit der Birthler-Behörde eingeräumt.

Doch dort will man offenbar nicht als Alibi für das bisherige Versagen der Kommission herhalten. Birthler-Sprecher Christian Booß erklärte: "Wir haben Herrn Pietzsch mehrere gangbare Wege aufgezeigt. Es gibt definitiv mehr Möglichkeiten, als die Kommission sie selber bisher genutzt hat. Insofern sind wir über die von Herrn Pietzsch nun schon mehrfach vorgebrachten Äußerungen sehr verwundert."

Neubert sieht es ähnlich: "Ohne Druck der Politik und der Öffentlichkeit, die den Thüringer Sport finanziert, wird sich dort wohl nicht viel bewegen." Jeden sinnvollen Ansatz der Aufarbeitung wolle sie "gern im Rahmen ihrer Aufgaben und gesetzlichen Möglichkeiten unterstützen". Die "Hilfe für die Opfer" ist ihr dabei "besonders wichtig".

Nicht einmal eine Entschuldigung

Der einstige Biathlon-Juniorenweltmeister Jürgen Grundler (1976) vom Armeesportklub Oberhof, ein Stasi- und Dopingopfer, der an Krebs erkrankte, ist frustriert: "Ein Trauerspiel, wie sich ausgerechnet führende Politiker in Thüringen benehmen." Aber auch über seine ehemaligen Sportkollegen ist Grundler enttäuscht. Von den insgesamt 14 Stasi-IM, die ihn früher in Oberhof bespitzelten, habe sich bis heute keiner bei ihm entschuldigt.

Einer dieser Spitzel ist Hans Hartleb (Deckname IM "Falun"), Trainings- Wissenschaftler der deutschen Biathlon-Nationalmannschaft und am Bundesleistungszentrum Oberhof. Auch Henner Misersky gibt sich kritisch: "Althaus hat vor der Biathlon-WM 2004 starke Worte gebraucht, doch offensichtlich toleriert er selbst das Gebaren seiner CDU-Sports-Kameraden. Sie benutzen die Popularität des Sports, um ihr politisches Image aufzuwerten."

(N24.de, Netzeitung)

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